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Filmtipp: Die Wannseekonferenz zur "Endlösung" der Judenfrage

"Die Wannseekonferenz. Die Dokumentation" (ca. 45 Minuten) ein Film von Jörg Müllner, History Media

Montag, 24. Januar 2022, 22.00 Uhr

 

Die 45-minütige Dokumentation von Autor und Produzent Jörg Müllner beleuchtet im unmittelbaren Anschluss an den Fernsehfilm "Die Wannseekonferenz", wie es zum millionenfachen Morden kam und welche Rolle dabei die Besprechung am Großen Wannsee am 20. Januar 1942 spielte.

 

Das Sitzungsprotokoll ist von zentraler Bedeutung: Es offenbart, wie offen und deutlich über den geplanten Mord an Millionen Juden in Europa in der Teilnehmerrunde gesprochen wurde. Das historisch einmalige Dokument wird heute – gut gesichert – im Politischen Archiv des Auswärtigen Amts verwahrt und gehört zu einer Akte mit der Überschrift "Endlösung der Judenfrage". Sie enthält rund 300 Dokumente zur sogenannten "Juden-Politik" zwischen 1939 und 1943. Dem Protokoll der Wannsee-Konferenz kommt besondere Bedeutung zu. Es galt als "Geheime Reichssache" – die höchste Geheimhaltungsstufe im NS-Staat. Von den ursprünglich dreißig Exemplaren des Protokolls hat nur eines den Krieg überstanden.

 

Die Einladung zur Besprechung am Wannsee kam von Reinhard Heydrich, Chef des Reichssicherheitshauptamtes im Berliner Prinz-Albrecht-Palais, der zentralen Verfolgungs- und Vernichtungsbehörde des NS-Regimes. Heydrich war ein Mann mit vielen Gesichtern: Familienvater, Sportler, in der Freizeit spielte er Geige – und er war ein Hauptverantwortlicher für den Mord an Millionen Menschen.

 

Die Wannsee-Konferenz gilt keinesfalls als eine Entscheidungssitzung. Gelegentlich wird sie in der Literatur als "Staatssekretärssitzung" bezeichnet. Staatssekretäre veranlassen und setzen um, was an höherer Stelle entschieden wurde. Dies trifft auch auf die Wannsee-Konferenz zu. Die Teilnehmer der Sitzung am Wannsee gehörten verschiedenen Ämtern und Ministerien an, auch wichtige Vertreter der SS und Polizei waren geladen. Ein hochrangiges Gremium zwar, aber eine so weitreichende Entscheidung wie die millionenfache Ermordung der europäischen Juden hätten diese 15 Männer nicht treffen können. Der Beschluss war längst an höherer Stelle gefasst worden: "Wenn es dem internationalen Finanzjudentum in- und außerhalb Europas gelingen sollte, die Völker noch einmal in einen Weltkrieg zu stürzen, dann würde das Ergebnis nicht die Bolschewisierung der Erde und damit der Sieg des Judentums sein, sondern die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa", hatte Hitler schon in einer Rede am 30. Januar 1939 gesagt. Später wiederholte er diese Drohung, als er den Weltkrieg, den er den Juden anlastete, selbst entfesselt hatte.
Bereits mit dem deutschen Überfall auf Polen und dem Beginn des Zweiten Weltkriegs setzte auch der Mord an der Zivilbevölkerung ein, darunter viele Juden. Es kam zu Massenverhaftungen, Hunderttausende wurden umgesiedelt. In Polen begannen die deutschen Eroberer damit, Juden an vielen Orten in Ghettos zu konzentrieren. Doch das waren nur die ersten Schritte. 

 

Der planmäßige, systematische Mord an Jüdinnen und Juden begann mit dem deutschen Einmarsch in die Sowjetunion am 22. Juni 1941. Im Rücken der Wehrmacht folgten vier Spezialeinheiten der SS und der Polizei, mobile Einsatzkräfte – die sogenannten "Einsatzgruppen". Sie begannen damit, systematisch Juden zu erschießen. Allein im September 1941 wurden etwa 34.000 Jüdinnen und Juden in Babyn Jar bei Kiew ermordet.

 

Auch für die Jüdinnen und Juden im "Reich" verschärften sich die Lebensbedingungen. Diskriminierung, Entrechtung, Verfolgung gehörten seit der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Januar 1933 zum leidvollen Alltag, auch für die 1921 geborene Berlinerin Margot Friedländer. Ihre Mutter versuchte 1938 Papiere für eine Auswanderung zu bekommen, doch ohne Erfolg.

 

Mitte September 1941 traf Hitler die Entscheidung, alle Juden aus Deutschland in Richtung Osten zu deportieren. Zwar hatte es zuvor bereits Transporte gegeben, doch stellte Hitlers Befehl eine weitere Eskalationsstufe im mörderischen Entscheidungsprozess dar. Es ist kein schriftlicher Befehl Hitlers zum Mord an Europas Juden überliefert. Er gab seine Anweisungen mündlich und allzu viele waren bereit, nicht nur zu folgen, sondern auch mit eigener Initiative zu handeln.

 

Über Deportation und Mord sprachen am 20. Januar 1942 die 15 Männer in der Villa am Wannsee – in millionenfacher Dimension. Die Zielvorgabe: elf Millionen Juden in Europa sollten vernichtet werden – nicht nur in den von Deutschen besetzten Gebieten. Im Protokoll hielt Adolf Eichmann fest, wie das geschehen sollte: "arbeitsfähige Juden" sollen "im Osten zum Arbeitseinsatz kommen … wobei zweifellos ein Großteil durch natürliche Verminderung ausfallen wird. Der allfällig endlich verbleibende Restbestand wird, da es sich bei diesem zweifellos um den widerstandsfähigsten Teil handelt, entsprechend behandelt werden müssen." In der Tarnsprache der Täter hieß das eindeutig: Mord.

 

Seit September 1941 fanden in Auschwitz erste Experimente mit dem hochgiftigen Desinfektionsmittel Zyklon B zur Ermordung der Häftlinge statt. Gaswagen waren seit Dezember 1941 in Chełmno, 70 Kilometer westlich von Lodz (Polen), im Einsatz; dort wurden mindestens 152.000 Menschen, vor allem Juden sowie Sinti und Roma, mit Motorabgasen vergiftet. Im von Deutschen besetzten Polen wurden von der SS Vernichtungslager errichtet. Belzec war das erste davon.

 

Als sich am frühen Nachmittag des 20. Januar 1942 die Besprechung am Wannsee auflöste, zeigte sich Reinhard Heydrich zufrieden: Die Teilnehmer hatten seine "Führungsrolle" akzeptiert und ihm ihre Zusammenarbeit zugesichert.

 

Für die 21-Jährige Margot Friedländer, die unweit der Villa am Wannsee seit 1940 Zwangsarbeit leistete, begann ein neues, leidvolles Kapitel. 1943 versuchten sie und ihr Bruder Ralph zu fliehen. Doch Ralph wurde verhaftet. Die Mutter stellte sich freiwillig der Gestapo und wurde mit ihrem Sohn nach Auschwitz deportiert. Beide wurden dort ermordet. Margot aber tauchte unter, versteckte sich monatelang vor der Gestapo, bis sie 1944 festgenommen und ins Ghetto Theresienstadt gebracht wurde. Sie überlebte als einziges Familienmitglied den Holocaust.

 

Für die Dokumentation ist Margot Friedländer noch einmal in die Villa am Wannsee gekommen, wo vor 80 Jahren jene Konferenz stattfand, die auch für sie schicksalhaft wurde. "Einladung zu einer Besprechung über die 'Endlösung der Judenfrage' mit anschließendem Frühstück", resümiert Margot Friedländer im Interview. "Ich kann es und werde es nie verstehen, wie es möglich war, dass so etwas stattfinden konnte, dass Menschen, die für meine Begriffe keine Menschen waren, ihre Hände dazu gegeben haben, so etwas zu tun."

 

Die Villa am Wannsee ist heute eine Gedenk- und Bildungsstätte. Dort erinnert man an die beispiellose Sitzung am 20. Januar 1942, bei der der Mord an elf Millionen Menschen besprochen wurde.

 

In der Dokumentation kommen neben Margot Friedländer auch Historiker und Historikerinnen wie Barbara Schieb, Prof. Peter Klein (Touro College Berlin, Fakultät Holocaust Studies) oder Prof. Götz Aly zu Wort, die den Rassenwahn in NS-Deutschland und den Holocaust untersucht und in zahlreichen Publikationen dargestellt und analysiert haben.

 

Die Dokumentation "Die Wannsee-Konferenz" ist ab 19. Januar 2022 in der ZDFmediathek zugänglich.
 
Produzent: Jörg Müllner, History Media
Redaktion: Anja Greulich
Leitung: Stefan Brauburger
Sendelänge: ca. 45 Minuten

Weitere Informationen

Veröffentlichung

So, 16. Januar 2022

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